Das wohl um 1775 gefertigte Kleid entspricht dem Typus der Robe à l`anglaise, der ab 1770 von England ausgehend in ganz Europa in Mode war: „Die Robe à l´Angloise ist nun durchaus als das Kleid zum vollen Anzuge angenommen, und man sieht fast kein anderes Damenkleid mehr. Man hat sie aber auch mit und ohne Garnirung; sehr reich und auch sehr einfach.“ (Journal des Luxus und der Moden, 11. August 1788).
Das zarte, hellgelbe Gewebe lässt vermuten, dass das Kleid einst für ein junges Mädchen gefertigt und als kostbares Erbstück über Jahre hinweg in einer Familie weitergegeben wurde. Tatsächlich stammt es aus dem Besitz Auguste von Schroeders. Die Todesanzeige vom 18. September 1968 nennt ihren vollen Namen: Auguste Agathe Philippine von Schroeder. Auguste ist am 4. September 1895 in Braunsfelde im Kreis Friedeberg in der Neumark (heute Bronowice in Polen) geboren. Ihr Vater Hans Gottlieb Friedrich ist Gutsherr auf Braunsfelde, ihre Mutter Agathe eine geborene von Bojanowski. Nach dem Zweiten Weltkrieg übersiedeln die unverheiratete Auguste und ihre Mutter am 7. Dezember 1945 nach Eberswalde und leben fortan laut den Adressbüchern als „von Bojanowskysche Erben“ in der Schneiderstraße 10. Nach Augustes Tod übernimmt das Museum Eberswalde Teile Ihres Nachlasses, darunter das Damenkleid.
Das Kleid zählt heute zu den kostbarsten Objekten im Bestand des Museums. Es besteht aus einem Rock (Jupe) und einem Mantel (Manteau) aus strohgelbem Seidentaft mit zeittypischem Streifenmuster. Der Mantel setzt sich zusammen aus einem körpernah geschnittenen Oberteil mit eingearbeitetem Leinengewebe und Versteifungen sowie einem weiten, in der Taille in viele Falten zusammengezogenen Rock. Dieser ist vorne offen und lässt die Jupe sichtbar – heute eine Ergänzung im modernen Gewebe seit der Restaurierung 1995. Das Oberteil mit seinen halblangen Ärmeln ist vorne verschließbar und endet in der Taille vorne und im Rücken in tief herabgezogenen, spitz zulaufenden Schneppen (V-Form). Die Weite des Dekolletés ist mit Zugbändchen zu regulieren. Der ursprüngliche Putz fehlt heute. Vermutlich bedeckte einst ein Brusttuch aus Baumwollmusselin (Fichu) den Ausschnitt und Spitzen zierten die Ärmelkanten.
Silke Kreibich, Kunsthistorikerin
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Damenkleid um 1775 |
„Pariser Dame in neuester grande Parure“ |
Quellen/Literatur zur Information:
Sterberegister 1968 und Meldekartei 1945 zu Auguste von Schroeder (Kreisarchiv Landkreis Barnim),
Gothaisches Genealogisches Taschenbuch der Briefadligen Häuser 1917,
Journal des Luxus und der Moden, 11. August 1788, S. 388.



